Raus aus Afghanistan. Bevor es zu spät ist.
Mit überwältigender Mehrheit hat der Deutsche Bundestag am 12. Oktober der Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr zugestimmt: 453 Abgeordnete votierten mit Ja, 79 mit Nein. 48 enthielten sich der Stimme. Da es sich um eine namentliche Abstimmung handelte, kann man nachlesen wie jeder Abgeordnete abgestimmt hat.
453 Ja-Stimmen bedeuten eine 75-Prozent-Mehrheit. Man darf davon ausgehen, dass alle Abgeordneten es sich nicht leicht gemacht haben und das Für und Wider sorgfältig abgewogen haben. Dennoch darf man zweifeln, ob sie die Problematik richtig erfasst haben.
Alle sind gescheitert
Ab 1839 versuchten die Briten Afghanistan unter ihre Herrschaft zu bringen. Schon 1842 waren sie gescheitert und mussten abziehen. 15 000 ihrer Soldaten wurden am Khyber-Pass beim Rückzug niedergemetzelt. Hier zeigte sich erstmals der unbändige Freiheitswille der Afghanen, die noch jedes fremde Joch abgeschüttelt haben.
1979 marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein. Trotz 100 000 bestens ausgerüsteter Soldaten gelang es in einem zehn Jahre dauernden, überaus verlustreichen Krieg nicht, die Aufständischen zu besiegen. Als sich die Rote Armee 1989 zurückziehen musste, hatte sie 15 000 Tote, Zehntausende Verwundete und noch viel mehr psychisch Erkrankte zu beklagen. Die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan wurde auf 1 bis 1,5 Millionen geschätzt.
Seit 2001 sind die Amerikaner in Afghanistan: Zwar gelang es anfangs, die Taliban nieder zu werfen. Inzwischen aber ist ein grausamer Krieg entbrannt, der sich immer mehr ausweitet und dessen Ende nicht abzusehen ist.
Es ist naiv, zu glauben, dass dieser Krieg vom Westen gewonnen werden kann.
Zu wenig, und gleichzeitig zu viel
35 000 ausländische Soldaten stehen zur Zeit in Afghanistan. Das größte Kontingent stellen die Amerikaner, die auch die Hauptlast der Kämpfe tragen. Die deutsche Bundeswehr ist zur Zeit mit knapp 3000 Soldaten vertreten. 21 junge deutsche Soldaten mussten schon ihr Leben lassen. Wofür? Die 3000 Deutschen sollen ein Gebiet kontrollieren, das - auf Deutschland übertragen - von Flensburg bis zum Bodensee reicht. Die Vorstellung, dass dies gelingen könnte, ist geradezu grotesk.
Die Sowjets hatten seiner Zeit dreimal so viele Soldaten in Afghanistan wie jetzt die NATO; sie sind gescheitert.
Warum sollten die 35 000 Nato-Soldaten das schaffen, was den 100 000 russischen Soldaten nicht gelang?
Wie es wirklich ist
Obwohl in der deutschen Presse immer wieder von großen Aufbauerfolgen in Afghanistan berichtet wird, sackt das Land immer mehr ab. Tatsache ist, dass
- Armut, Korruption und Gewalt deutlich zunehmen,
- staatliche Institutionen in weiten Teilen des Landes nicht mehr existent sind,
- die Polizei überfordert und korrupt ist,
- eine schlagkräftige Armee nicht vorhanden ist,
- die Aufbauhilfe die Bevölkerung nicht erreicht.
Um dies an Hand einiger Beispiele zu illustrieren:
Im Zentrum der Korruption steht ausgerechnet das Innenministerium in Kabul. Wer beispielsweise Polizei-Distriktschef werden will, muss 150 000 Dollar Schmiergeld zahlen (die anschließend von Untergebenen und der Bevölkerung wieder eingetrieben werden).
Polizisten, die mit viel Aufwand von westlichen Beratern ausgebildet worden waren, erhalten einen Monatssold von 70 Dollar. Da ihnen die Taliban oder die Drogenhändler aber 400 bis 600 Dollar bieen, wechseln die meisten die Seite. Vom Westen mit viel Geld ausgebildet, wenden sie sich anschließend gegen uns.
Von der afghanischen Armee sind bisher 38 000 Soldaten mit westlicher Hilfe ausgebildet worden. 50 000 werden vom Westen bezahlt, aber das US-Miltär musste einräumen, dass die Zahl der einsatzbereiten afghanischen Soldaten gegen null tendiere.
Ein Schrecken ohne Ende
Nach Vietnam sollten die USA und die NATO gelernt haben, dass ein Krieg gegen Partisanen, die ohne Uniformen kämpfen und von der Zivilbevölkerung nicht zu unterscheiden sind, nicht gewonnen werden kann.
Die Russen waren zehn Jahre in Afghanistan, die Nato ist es nun seit sechs Jahren. Es ist nicht besser geworden, sondern nur schlimmer. Wo gibt es Anzeichen, dass es irgendwann besser werden könnte? Die Wahrheit ist, dass Afghanistan trotz aller Anstrengungen immer mehr im Chaos versinkt.
Also raus, so schnell wie möglich
Das wird möglicherweise bitter für die afghanische Bevölkerung werden, aber jeder ist letztlich für sich selbst verantwortlich. Wenn ein Einsatz des Westens in Afghanistan, warum dann nicht auch im Sudan, oder in Simbabwe, oder im Iran oder in Birma oder in Somalia? Der Westen würde ausbluten, wenn er überall als Weltpolizei auftreten würde. Dass er dazu nicht die Kraft hat, zeigt der Misserfolg der Amerikaner im Irak und der NATO in Afghanistan. Schon der Einsatz der Bundesmarine im Libanon und am Horn von Afrika überfordert uns.
Illusionen
Die Amerikaner kamen nach dem 11. September 2001 nach Afghanistan: Das Terrornetzwerk der Al Quaida sollte zerschlagen, dessen Anführer Bin Laden eliminiert werden. Sechs Jahre sind seither vergangen. Erfolg gleich null: Der Terror der Islamisten ist ungebrochen. Al Quaida sitzt inzwischen auch nicht mehr in Afghanistan, sondern in den unzugänglichen Bergregionen Pakistans. Bin Laden lebt und steuert wie vorher sein Terrornetzwerk. Warum dier Terroristen in Afghanistan bkämpft werden sollen, owohl sie sich da gar nicht mehr aufhalten, ist eines der Geheimnisse der NATO-Strategen.
Trotz dieser ernüchternden Bilanz glaubt Bundeskanzlerin Merkel, der deutsche Beitrag in Afghanistan sei "der einzige Weg, zu zeigen, dass wir Terroristen bekämpfen, und zwar entschlossen." Wie naiv, Frau Merkel!
Was uns das kostet
Inzwischen wurden die Kosten für das deutsche Engagement am Hindukusch bekannt: Es sind 620 Millionen Euro pro Jahr: 520 Millionen kostet der Einsatz der Bundeswehr, 100 Millionen geben wir als Entwicklungshilfe für Aufbauprojekte. Angesichts der Sinnlosigkeit des westlichen Engagements muss die Frage erlaubt sein, ob wir dieses Geld nicht hierzulande besser einsetzen könnten. Beispielsweise könnte man mit diesen 600 Millionen 10 000 Lehrer einstellen.
Wir meinen: Über eine solche Alternative zu debattieren, hätte dem Deutschen Bundestag am 12. Oktober 2007 gut angestanden.
Die Bevölkerung ist realistischer
Nach jüngsten Meinungsumfragen sind nur noch 29 Prozent der deutschen Bevölkerung für einen Verbleib der Bundeswehr in Afghanistan. Eine große Mehrheit von 61 Prozent aber lehnt ihn ab. Vielleicht sollten sich die Politiker ausnahmsweise nach des Volkes Meinung richten, und zwar bevor es zu spät ist. Der Beschluss des Deutschen Bundestags vom 12. Oktober 2007 wird sich in nicht allzu ferner Zeit als verhängnisvoll herausstellen.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Könnte man den Afghanen wirklich helfen, wäre es möglich die Taliban zu besiegen, gäbe es eine realistische Perspektive für das unglückliche Land, dann würde das Engagement in Sinn machen.
Aber all das ist eine Illusion. Deshalb: Raus, so schnell wie möglich!